Kein Anfänger
Der erste Satz würde der entscheidende sein. Was auch immer er erzählen wollte, es galt, Lektor,
Verleger und jeden weiteren potentiellen Leser dazu zu bringen, von diesem ersten Satz so
eingenommen zu sein, daß er gar nicht anders konnte als weiterlesen. "In principio erat verbum,
im Anfang war das Wort", hämmerte es in Sebastians Kopf.
Diesen Anfang aller Anfänge hatte zu seinem Leidwesen schon ein anderer benutzt und mindestens ein
zweiter zitierend eingangs verwendet. "München leuchtete" war ebenfalls bereits fremdbesetzt.
In Sebastians Kopf wimmelte es von gebrauchten Anfängen. "Tief ist der Brunnen der Vergangenheit"
- und noch tiefer der Fundus literarischen Wissens in Sebastians Kopf.
Zuerst hatte er ja geglaubt, es sei eine Frage der Thematik, ein Buch zu schreiben. Eine
Geschichte müsse her, die noch nie einer erdacht hatte, eine Geschichte wie gesponnenes Glas und
nach Unendlichkeit duftende Sonnenstrahlen, eine Geschichte von dem, was sich hinter jener Tür
verbirgt, die nicht einmal ein Engel öffnen darf, weil er die Offenbarung der Herrlichkeit nicht
erträgt. Eine Geschichte schwebte in Sebastians Phantasie herum, die auch Raum für kaum
Erträgliches bieten sollte, Schmerz, Verlust, Krankheit, Haß und Wut.
Und während er sich glühende Eiszapfen ausmalte, während er seinen Helden in der Phantasie durch
Himmel, Hölle und die Niederungen und Höhen irdischen Daseins hetzte, dachte er kein einziges Mal
an das "Wie" des Aufschreibens. Irgendein Geist würde schon die Ausgeburten seiner Phantasie auf
Papier gießen.
"Ich werde ein Buch schreiben, wie es noch nie eines gegeben hat", die ehrliche Überzeugung
taugte als Anfang nicht, sie las sich ein wenig überheblich, fand Sebastian selbst.
Er hatte sich recht feierlich vor einen Stapel leerer Seiten plaziert, um, stilvoll, mit dem
Kolbenfüller sein Meisterwerk zu beginnen.
"Es begab sich aber zu der Zeit...", das war zwar bekannt, aber ein wenig altmodisch.
"Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani",
so langweilig hat seit Caesar kein Kriegsroman mehr begonnen, mit geographischen Fakten zu
beginnen war für ein Stück Weltliteratur ohnehin läppisch. Wäre der Römer nicht Politiker gewesen,
dachte Sebastian, hätte wohl kein Mensch seine Memoiren gedruckt.
Dann schon lieber bei den Großen des Mittellters nachschlagen: "Ist zwîfel herzen nachgebur,
dasz muoz der sele werden sur", schön, aber nur auf Mittelhochdeutsch. Auch der Beginn der Odyssee
( "Andra moi enepe, musa polytropon, hos mala pola...") klingt bloß im Altgriechischen wirklich
poetisch. Sebastian, dem die literarische Mission zur inneren Qual wurde (er drohte an seiner
Geschichte zu ersticken), kaufte sich ein Buch, das ihm helfen sollte, sein eigenes zu schreiben.
"Der schwere erste Satz" lautete Kapitel 1 des teuren Werkes über "Vorspann, Einstieg, Lead".
Er las alles, was ihm längst klar war, zusammengefaßt, daß alles, aber auch wirklich alles,
vom ersten Satz abhinge. Ein Donnerschlag müsse dieser sein, das Wichtigste vorweg. Es folgte ein
Katalog der gängigen Einstiege, hunderte von Varianten, keine paßte auch nur annähernd zu
Sebastian. Und schon gar nicht zu dem phänomenalen Hirngespinst in seinem Kopf, das nun der
Menschheit vorenthalten bleiben würde, weil sich kein Anfang finden ließ.
Sebastians Pein wuchs. Er litt unter geistiger Verstopfung und suchte verzweifelt nach einem Mittel,
das Erleichterung bringen würde, nicht den Gedärmen, sondern den geblähten Hirnwindungen.
"Es fällt mir nicht leicht, diese Worte zu Papier zu bringen", notierte er wahrheitsgemäß, nur,
um auch dieses Blatt dem mächtigen Ordner "Verworfene Anfänge" einzuverleiben. Vielleicht, so
dachte er, würde sich der ein oder andere Anfang noch anderweitig verwerten lassen. Dieser zum
Beispiel, wenn er, dereinst zu internationaler Berühmtheit gelangt, das Bundesverdienstkreuz
ablehnen würde. Denn daß er es ablehnen würde, stand für ihn ebenso fest wie die Absicht, den
Roman aller Romane zu schreiben.
"Sebastian hatte die Feder beiseite gelegt und erwachte aus einer Traumwelt" - warum nicht so?
Aber vielleicht war das eher ein guter Schluß. Er legte einen weiteren Ordner an: "Mögliche
Schlüsse".
Sebastian war nachgerade unfähig, seiner Arbeit als Kassierer in einem Zeitschriftenladen
konzentriert nachzugehen.
Jede Zeitschrift im Regal, jedes verkaufte Exemplar, steckte voller bereits geschriebener Anfänge,
die somit für sein Buch nicht mehr in Frage kämen. Denn wer weiß, vielleicht hatte ja der Lektor
oder der Verleger einen Computerprogramm mit schon geschriebenen Anfängen, um potentielle Plagiatoren
von vornherein zu enttarnen.
Die Augen des gemarterten Sebastian brannten von der permanenten Strapaze des Anfänge-Überfliegens.
In seinem Gehirn klebte der Satz "Frau P. bekam mit 80 Jahren einen Herzschrittmacher" neben
"Abschieben hat sich zu einem häßlichen Wort entwickelt".
"Hauke Haien war zur Zeit des Pferdemarktes in die Stadt geritten" (Storm, der Schimmelreiter) und
"Das Schauspiel dauerte sehr lange" (Goethe, "Wilhelm Meister") - offenbar konnten Anfänge nicht
banal genug sein. "Sebastian brühte sich einen Kaffee auf", schrieb es und tat desgleichen.
Immer inniger verschmolzen Sebastians Anfänge mit seinen Handlungen. ("Im Anfang war die Tat" lautet
die Fiktion in der Fiktion Faust). Er machte es sich zur Gewohnheit, alles, was er tat, als einen
potentiellen Buchanfang zu betrachten. "Sebastian roch die angebrannte Milch erst, als er wieder
einmal einen ersten Satz verworfen hatte." Blödsinn? "Blödsinn".
Ob Sebastian jemals bemerkte, daß auf diese Weise sein Buch Seite um Seite wuchs und zu einer
atemberaubend realistischen Erzählung gedieh? Vorerst hämmerte in seinem Hirn bloß ein einziges,
vernichtendes Wort, es dröhnte im gnadenlosen Schwäbisch seines Deutschlehrers: "Gescheitert".
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