Fremd
Die Töne umfingen sie wie ein Wintermantel. D-Moll, Klaviermusik, gehört am warmen Heizkörper in
Räumen, die dennoch in ihrer unnahbaren Höhe niemals wirkliche Wärme ausstrahlen würden. Dann der
Sänger: "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh' ich wieder aus." Zögernd öffnete Lea eine weitere
Umzugskiste. Einpacken, auspacken, schleppen, absetzen, reisen, um niemals wirklich anzukommen.
"Will Dich im Traum nicht stören - wär schad' um Deine Ruh - schreib' im Vorübergehen ans Tor Dir:
gute Nacht, damit Du mögest sehen, an Dich hab' ich gedacht." Wenn es so einfach wäre...
So, wie beim "Cherubinischen Wandersmann": "Wir reisen, und wissen nicht, wohin - mich wundert,
dass ich so fröhlich bin." Lea lies sich ein Bad ein, das erste in der neuen Wohnung. Das Bad war
diesmal einer der Auslöser gewesen, mal wieder die Kisten zu packen. Im warmen Wasser fühlte sie
sich so frei wie in einem fahrenden Eurocity. "Schreib' im Vorübergehen ans Tor Dir: gute Nacht".
Das Tor, an das sie das hätte schreiben mögen, war ihr immer schon eine Station voraus. Lea konnte
nur versuchen, hinterherzuziehen.
Als junges Mädchen hatte Lea sich gerne mit einer Katze verglichen, die, oben auf einer Mauer
liegend, das Treiben der Menschen beobachtete, manchmal duldete, gestreichelt zu werden, manchmal
fauchte, manchmal biss und kratzte. Und, im Ernstfall, dann einfach den Menschen wechselte,
wenn die Bedingungen sie in ihrer Freiheit beschnitten. Mit fremdem Blick pflegte sie zuweilen
selbst ihre Mutter zu betrachten, so, als sähe sie einen Film vor sich ablaufen, der mit ihr
absolut nichts zu tun hatte, aber in dem sie eine Rolle spielte, zur gleichen Zeit, in der sie
auch im Zuschauerraum saß.
Das Gefühl der Fremdheit war das einzige, worauf sie sich verlassen lernte. Aus den Betten
diverser Liebhaber war sie mitten in der Nacht aufgestanden, hatte im Dunkeln ihre Sachen
gerafft und auf leisen Sohlen die Wohnung verlassen. "Bin weg", stand auf einem Zettel, wenn sie
eine Beziehung beendete, die ihr zu eng wurde. Staubsauger, Salatschüsseln, Töpfe, Schuhe,
zahlreiche Bücher waren der Preis dieser Fluchten. Aber um atmen zu können, hatte sie immer
wieder aus dem ausbrechen, andere Städte suchen müssen. Abstand war Grundbedingung, um dem zu
entgehen, was andere unter Geborgenheit verstehen. Geborgenheit? Bedrohliches Fremd-Wort,
jedenfalls im Zusammenhang mit Bleibenmüssen. "Das Mädchen sprach von Liebe, die Mutter gar von Eh'",
wenn der Sänger an dieser Stelle war, fühlte Lea förmlich, wie es dem Schubertschen Winterreisenden
die Luft abgedrückt haben musste.
Nicht, dass Lea die Liebe mied. Aber für sie war Liebe mit Freiheit verbunden, Freiheit, sich immer
wieder neu füreinander zu entscheiden - oder auch nicht. Und so war es unvermeidlich gewesen,
dass sie irgendwann in ihrem Leben dem Fremden im Zug begegnen musste. Er war, wie sollte es
anders sein, gerade im Umzug begriffen. Sie kannte seinen Namen noch nicht, da merkte sie schon,
dass sie in einen Strudel geriet, aus dem kein Zettel "Bin weg" sie würde befreien können.
Wieder einmal wie im fremden Film sah sie sich eine Wohnung mieten an einem Ort, von dem sie nicht
ahnte, was sie dort überhaupt solle. Aber der Fremde, der ununterbrochen nur für sie hörbare Töne
absonderte, denen sie zu folgen gezwungen war, hatte in diesem Landstrich seine Zelte
aufgeschlagen. Es war unheimlich, was mit Lea geschah. Sie, die sich katzengleich hatte aller
Nähe entziehen können, gehorchte einer Hundepfeife. Der Fremde wusste sie nun schon seit zwei
Umzügen auf provozierend distanzierter Entfernung zu halten, als ahne er genau, welchen Abstand
sie brauchte, um ihm absolut nahe zu sein und einer Sehnsucht nach totaler Nähe zu verfallen.
Lea dachte in zunehmendem Maße darüber nach, was geschehen könnte, wenn sich diese Nähe einstellte.
Das übliche Flucht-Syndrom?
Und nun saß sie in dieser Festung von Wohnung, packte aus, dachte daran, ob der Fremde wohl dort,
wo sie ihn ungefähr vermutete, auch auspacken würde. Schließlich hatte der Zauberton sie hierher
befohlen. Lea ließ heißes Wasser nachlaufen. Die d-Moll-Akkorde drangen durch das Rauschen.
Lea hatte kein Klingeln an der Tür wahrgenommen. Und dennoch wunderte sie sich eigentlich nicht,
als der Fremde plötzlich neben ihr stand. "Danke für die Nachricht am Tor..." Lea wußte,
unendlich erleichtert, dass sie in diesem Leben keine Kisten mehr auspacken würde.
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