Haarrisse
Normalerweise reiste Karl Katzgrau im Großraumwagen. Er bevorzugte einen Zweiersitz im Raucherabteil.
Zwar selbst Nichtraucher, liebte er das anonyme "Mitschnüffeln" am Genuß anderer. Auf den leeren
Sitz neben sich pflegte er sein Köfferchen zu plazieren und verschanzte sich dann hinter
irgendeinem Ordner oder vertiefte sich in Dispositionen am firmeneigenen Laptop. Karl Katzgraus
Job als Bauleiter bei einer Fertighausfirma trieb ihn quer durch Mitteleuropa, mit dem Zug reiste
er den Transportfahrzeugen hinterher, um irgendwann während des Aufbaus einen Blick auf das Haus zu
werfen und den meist aufgeregten Bauherren zu versichern, alle bei der Montage und beim Entladen
entstandenen Schäden werde selbstverständlich die Firma regulieren. Nie kam er pünktlich, denn es
hatte sich als günstig erwiesen, zuerst die Kunden dem zermürbenden Nichtverstehen der
Transportarbeiter aus osteuropäischen Ländern zu überlassen. Langte er dann irgendwann an, waren die
Bauherren schon allein durch sein deutschsprachiges: "Na, läuft doch alles Bestens" bereit, den
Unbill der vorausgegangenen Stunden zu vergessen.
Karl Katzgrau selbst hatte der Job allerdings ein wenig zugesetzt. Er wurde von einer chronischen
Entscheidungsunfähigkeit in privaten Wohnungsfragen geplagt, was zum Scheitern seiner Ehe geführt
hatte. Prinzipiell mißtraute er nahezu jeder modernen Behausung und fühlt sich vielleicht deshalb
so wohl in der romanischen Kirche seines Wohnortes, dass er an jedem freien Wochenende sowohl im
Gottesdienst als auch bei anderen kirchlichen Angeboten zu finden war.
Karl Katzgrau quetschte sich in ein Raucherabteil - irgendwas war schiefgelaufen, die Großraumwagen
überfüllt. Die Fensterplätze im Abteil belegt, die Sache mit dem Laptop folglich gescheitert.
Dicker Zigarrenqualm füllte das Abteil. Er packte einen Lottoschein aus und begann mit
systematischem Ausfüllen. Warum er tippte, wußte er nicht. Umso mehr störte es ihn, als sein
Gegenüber ihn ansprach: "Na, immer auf der Suche nach dem großen Glück?" Er hatte keine Lust zum
Reden. Vor ihm lag ein freies Wochenende, in seinem Magen tobte die Hölle. "Reizmagen.
Psychosomatisch", lauteten die Diagnosen diverser Internisten. Und seit geraumer Zeit arbeitete
Katzgrau an sich selbst, mit Hilfe eines Psychoanalytikers, der allerdings selten Termine frei hatte,
die mit Katzgraus unstetem Beruf vereinbar waren. An Montag aber, da hatte er frei - und der
Analytiker auch. Darüber dachte Katzgrau nach, als er den Tippschein wegpackte. "F. Unterkeller -
Consulting in Entscheidungsfragen - Lebenskonzeptionsberatung" stand auf der Visitenkarte, die ihm
der Zigarrenraucher hinhielt. "F" steht für Fürchtegott", meinte er fast kokett, "aber man muss sich
halt mit seinem Namen arrangieren können." Genervt zog Katzgrau seine Geschäftskarte, in der
Hoffnung, vor weiteren Gesprächen abgesichert zu sein. Und tatsächlich: "Ich sehe, Sie haben den
Kopf ziemlich voll, aber vielleicht hören wir mal voneinander. Ich habe recht bald in S. zu tun",
meinte Unterkeller und strebte dem Ausgang zu, denn "in wenigen Minuten erreichen wir
Frankfurt/Main Hauptbahnhof" . Katzgrau schlief ein, er hatte noch Zeit, bis ihn die Durchsage
wecken würde "dieser Zug endet hier", dann war auch er fast am Ziel. Denn am Hauptbahnhof in S.
stand sein Auto, mit dem er seiner Wohnstatt zustrebte, in der er sich immer so unbehaust fühlte.
Gerade betrachtete am Samstagmittag Katzgrau sinnierend die Haarrisse im Treppenhaus, die ihn tief
mißtrauisch gegenüber allen Bauwerken der Neuzeit machten, da klingelte es. "Die Klingel habe ich
abzustellen vergessen", tadelte sich Katzgrau, der wirklich seine Ruhe haben wollte, um über seinen
Reizmagen und den Analytiker nachzudenken. "Ist Ihnen schon aufgefallen, dass Sie wegen
Selbstverständlichkeiten immer fragen: Kann ich mal oder Darf ich mal? Wie war das bei Ihnen zu
Hause in Ihrer Kindheit?" Katzgrau drückte geistesabwesend die Gegensprechanlage: "Unterkeller.
Der Mann aus dem Zug. Haben Sie ein paar Minuten?" Katzgrau öffnete. Erst jetzt sah er sich den Mann
an. Gepflegte Erscheinung, teuer, dezent und geschmackvoll gekleidet, und doch störte irgendwas.
Wie oft konnte Katzgrau es nicht einordnen, es fiel in die Kategorie der beunruhigenden Haarrisse.
"Wir kamen nicht dazu, unser Gespräch zu vertiefen. Haben Sie Ihren Tippschein schon abgegeben?"
In der Tat war das neben dem Kauf einer Pizza das erste und bislang einzige gewesen, was Katzgrau
erledigt hatte. Ansonsten hatte er sich am Computer in Fertighaus-Konstruktionen und dann in ein
Spiel, das ihm Bürgermeister-Kompetenz in einer Großstadt verlieh, vertieft. Gescheitert war er
mal wieder bei den Baufragen. Den Frust hatte er mit Cognac runtergespült, der schwarze Kaffee am
Morgen hatte seinem Reizmagen den Rest gegeben, jetzt war der ganze Katzgrau gereizt.
"Vielleicht sollten Sie sich meiner Beratung anvertrauen, Sie wirken irgendwie unberaten und suchend.
Ich biete Ihnen unseren kostenlosen Eingangstest an", Unterkeller hatte sich in dem einzigen bequemen
Ledersessel eingerichtet, er saß, als gehöre er schon immer dahin. "Also, beginnen wir: Sie haben
drei Wünsche frei, in Frageform." Katzgrau dachte an die gewaltigen Fragebögen, die ihm sein
Analytiker vorgelegt hatte, dies hier schien verdächtig einfach. Allein fühlte er sich
entscheidungsunfähig. "Dürfte ich mal telefonieren?" "Gewiß, das ist nun Wunsch Nr. 1. Bedenken
Sie: Mit den nächsten beiden Fragen dürfen Sie sich nicht das Gleiche nochmal wünschen - und jede
Frage zählt als Wunsch. Sie haben eine halbe Stunde." Unterkeller goß sich einen Cognac ein und
entzündete eine Zigarre. Amüsiert, so schien es Katzgrau, musterte er den potentiellen Kunden.
Katzgrau wählte die Nummer seines Analytikers, er wollte sich mit ihm über den seltsamen Gast und
dessen Angebot besprechen. Er wußte nicht, ob er sich gefahrlos darauf einlassen konnte. Zum
Glück hatte er ja nur noch zwei Wünsche, schoß es ihm durch den Kopf. "Guten Tag, Sie sind mit der
Praxis von Dr. Heinzlein verbunden. Leider bin ich zur Zeit nicht persönlich zu sprechen. Aber
scheuen Sie sich nicht, mir Ihr Anliegen auf Band zu hinterlassen. Ich bin bald wieder für Sie da..."
Katzgrau faßte zusammen, ihm habe jemand drei Wünsche freigestellt und er brauche sofort
Entscheidungshilfe, es sei lebenswichtig. Unterkeller lächelte: Noch 17 Minuten. Hastig blätterte
Katzgrau in seinem Notizbuch. Der Pfarrer, der war doch auch für Lebensnöte zuständig.
Und samstags mußte der doch zu Hause sein. Ohne zu fragen wählte er die Nummer: "Evangelisches
Pfarramt Erlöserkirche. Guten Tag. Pfarrer Martin Gutheil ist zur Zeit nicht zu sprechen.
Bitte hinterlassen Sie Ihre Rufnummer, Ihren Namen und Ihr Anliegen, wir rufen sofort zurück.
Sie können aber auch ein Fax nach dem Piepton schicken." "Könnte ich mal meinen Computer benutzen?"
fragte Katzgrau. "Wunsch Nr.2, Sie haben noch knapp zehn Minuten, ich sehe, Sie brauchen meine
Beratung sehr dringend..." kommentierte Unterkeller. Katzgrau faxte dem Pfarrer von den drei
Wünschen und dem seltsamen Gast sowie seiner Seelenpein und bat um sofortigen seelsorgerischen
Beistand. "Die Zeit läuft Ihnen davon, mein lieber Freund, wollen Sie nicht gleich einen
Beratervertrag unterzeichnen, es vereinfacht Ihre Lage", sagte Unterkeller und zupfte an seinen
Manschetten. Katzgrau kratzte einen Rest von verzweifelter Höflichkeit zusammen. "Würden Sie bitte
umgehend meine Wohnung verlassen und niemals wiederkommen?" Unterkeller stand auf. "Das waren zwei
Wünsche. Einen hatten Sie noch frei...", sagte er und ging.
Katzgrau ließ das Telefon läuten. Ein Fax vom Pfarramt kroch aus dem Gerät. Aber Katzgrau starrte
nur auf die Haarisse an der Wohnzimmerdecke, die er zuvor noch nicht bemerkt hatte. Nur mit sehr
viel Phantasie konnten sie als Pentagramm gedeutet werden.
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