Das Hemd der Geborgenheit
Silvias grüner Pullover schien Leben, Wärme und Kraft auszustrahlen. Schon als Silvia das
Klassenzimmer betrat, war Beate von dem Teil fast ebenso fasziniert wie von Silvias blonden
langen Haaren. Ihre blauen Augen schienen nicht zu diesem Pullover zu passen: die Augen wirkten brav,
der Pullover setzte freche Signale. Nach Jahren noch sollte Beate an den Tag denken, an dem sie
Silvia und den Pullover kennengelernt hatte. Da war Silvia längst aus ihrem Leben verschwunden,
das abgewetzte Kleidungsstück aber gehörte zu Beates Favoriten, bis ihr jemand unmißverständlich
klarmachte, daß dieser Pullover nur noch ein Lumpen war. Beate schrieb es dem Umstand zu, daß sie
sich in Silvia auf den ersten Blick verliebt hatte, daß sie den Grünen immer noch trug, als Silvia
längst Opfer ihrer Drogenkarriere geworden war. Es war Beate, als würde ihr Silvias Tod erst
schmerzhaft bewußt, als der Pulli in den Altkleidersack wanderte.
Aber wie war die Sache mit dem Unterhemd von Marut dann zu erklären? Die starke Marut, die Beate
allenfalls imponierte, aber zu der sie eher eine innere Distanz des Respektes hielt, hatte Beate
an einem kalten Tag ein Hemd geborgt, das sie selbst schon zu den Lumpen sortiert hatte: "Kannst es
behalten, es ist sowieso schon eingerissen". Beate betrachtet das Hemd, weiße Baumwolle mit Leinenspitze. Sechs Jahre ist das her, sie trägt es immer noch gerne, es hängt ihr buchstäblich in Fetzen
vom Leib. Und sie spürt ein wenig von Maruts Stärke, ihrer Fähigkeit, sich auf liebenswürdige Weise
Menschen, die ihr zu nahe treten, vom Leib zu halten.
Geschichten dieser Art könnte Beate von vielen Hemden und Shirts, Pullovern, Jeans und sogar Jacken
in ihrem Schrank erzählen. Fast alle ihre Lieblingssachen hat sie sich irgendwann einmal ausgeliehen,
oft waren es ganz "eingetragene" Stücke, und die Besitzerin, in seltenen Fällen auch der Besitzer,
hatte dann gemeint: "Behalt' es doch, ich ziehe es sowieso nicht mehr an, es hat seine beste Zeit
hinter sich." An Beate aber begannen die Sachen irgendwie zu leuchten. Als sie die uralten Jeans
von Barbara trug, meinte mancher, sie habe sich ganz teure Designerhosen gekauft, stonewashed und
auf "kaputt" getrimmt, so edel wirkten sie an Beate. Bis sie wirklich zerfielen. Die Lederjacke,
die Walter nicht mehr an sich sehen mochte, nach dem Motto: "Ich hab sie getragen sieben Jahr"
trägt Beate nun seit einem Jahrzehnt - und wird immer noch gefragt, ob sie eine neue Jacke hat.
Vaters uralter Hut, Großmutters Spitzenschal - an Beate bekommen die Kleidungsstücke eine neue
Identität.
"Es ist eigenartig", hatte Ulrike zu ihr gesagt, "ich habe mir den Wildledermantel gekauft, weil ich
ihn schön fand. An mir hat er mir nie gefallen - aber er ist wie für dich gemacht." Der Mantel bekam
übrigens einen undefinierbaren Riesenfleck, als sich Beate und Ulrike zerstritten - seitdem hängt
er im Keller.
Daß Beate heimlich die Pullover ihrer Schwester oder ganz lieber Freundinnen und Freunde überzieht,
wenn niemand hinschaut, das wird, so hofft sie, nie jemand merken. Aber das sind die Momente,
in denen sie sich diesen Menschen wirklich nahe fühlt. Ansonsten hat sie oft das Gefühl, von
einer empfindlichen und doch schützenden gläsernen Haut umgeben zu sein, die zerspringen müßte,
wenn jemand sie anrührt. Schon mancher Liebhaber und manche Freundin hat sich verwundert, wenn
Beate auch in ganz engen Augenblicken bat: "Darf ich mein Hemd anbehalten?". Aber die meisten hatten
irgendwann kapituliert, denn Beate hat auch im zerschlissensten Hemd ihre seltsame Anziehungskraft.
Auf einem Halstuch zumindest gelang es ihr noch immer, zu bestehen. "Der Kaiser ist ja nackt", dieser
Satz aus Gottfried Kellers "Kleider machen Leute" hat sie schon als Schulkind tief erschreckt und
irritiert.
Als jemand ihr erzählte, er möchte Schlägern und auch verfeindeten Völkern gerne den Frieden
hinhalten wie einen Mantel, in den man jemanden hineinhilft, hat dieses Bild ihr unmittelbar
eingeleuchtet. Obwohl sie persönlich Mäntel am liebsten alleine anzieht. Aber sie hat davon
geträumt, daß sich Friedfertigkeit durch einen geborgten oder verschenkten Mantel übertragen
ließe. Wie, wenn sich der andere durch ein fremdes Hemd schon so geschützt fühlte, daß alle
Aggression aus ihm weicht? Hilft es denn nicht bereits, sich geborgen zu fühlen, um schwerer
verwundbar zu sein? Wollen das die vielen Märchen sagen, in denen Hemden eine Zauberkraft haben?
Beate träumt weiter, sie zieht das weite graue Hemd von Andreas näher um sich, darüber hat
sie noch ein Shirt von Erwin gewickelt. Sie macht es sich in dicken Socken von Dorothee zwischen
den Kissen ihres eigenen Bettes bequem, das sie gerne als ihre "Burg" bezeichnet. Der heilige
Martin, sinniert sie, hatte bestimmt einen Mantel aus weichem Tuch. Und wenn er morgen wiederkäme
und Beate träfe, (aber wo sollte das sein?) sie würde einen halben Mantel sofort annehmen.
Welche Enttäuschung, wenn er, so ein Soldat von heute, ihr, angesichts ihrer schäbigen Wäsche,
ein paar Geldscheine in die Hand drücken würde und sagen: "Kauf dir was Schönes!" Aber Heilige,
denkt sie und dreht eine Haarsträhne um den Zeigefinger, tun sowas Banales nicht.
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