Immoinda – die unerzählbare Geschichte
Lieber Bencomo,
Es begann mit einem Bild in meinem Kopf. Als es langsam aufs Aquarell-Papier kam, wurde mir klar,
dass es mir mit meinen Möglichkeiten nicht gelingen würde, für Sie darzustellen, was für ein Bild
es in meinem Kopf war, das ich Ihnen unbedingt zeigen wollte. Immoinda gewann Kontur, aber nicht
in der Durchsichtigkeit und Vielschichtigkeit, wie ich sie vor mir sah: Freiwillig eingehüllt
in eine Seifenblase, in der sie zu irgendeinem Zeitpunkt entschweben konnte, gefangen hinter
Glas von einer Härte, das sie nie aus eigener Kraft zu durchdringen in der Lage sein würde.
Diese Trennschichten machten sie erkennbar für andere und ließen sie andere erkennen,
aber eine wirkliche Nähe war ihr verwehrt. Und immer wieder schillerte sie durchsichtig und doch
bunt, wie ein Libellenflügel. Manchmal traf sie auf Menschen, die aus ihrer Sichtmöglichkeit
ähnlich aussahen und zu denen sie eine unerklärliche Sehnsucht erfaßte. Je näher sie ihnen kam,
umso durchsichtiger wurde sie, wurde das Gegenüber - und beide scheiterten an dem Glas,
selbst wenn es Immoinda gelungen war, sie in die Seifenblase hinein zu ziehen.
Mir ging es mit dem Bild so, dass ich davor resignierte und begann, mir eine Geschichte von
Immoinda zu erzählen. Ich würde sie, da war ich zuverlässig, bis Ostern aufgeschrieben haben,
weil ich sie ja eigentlich Ihnen erzählen, Ihnen schenken wollte. Auf meinen vielen Autofahrten
erzählte ich die Geschichte weiter und weiter, feilte an Wörtern, verwarf Teile. Immoinda entzog
sich mir, je näher ich ihr zu kommen glaubte. Ich fürchtete schon, sie irgendwann am Horizont in
einer Seifenblase entschwinden zu sehen. Auch ich stieß an Glas, zum Beispiel in der Woche, in der
ich so traurig war und in der wir dann den Disput über die Möglichkeit der Liebe und das
Johannes-Lesen hatten. Ich fragte mich, warum ich Ihnen die Geschichte überhaupt erzählen wolle,
warum ich sie nicht in mir einsperre.
Dann dachte ich, dass die Sprache doch das ist, was uns aus der Einsamkeit befreien kann.
Aber die Sprache schien mir ebenso unzulänglich wie die Farben, ich war auf einmal wie Immoinda,
die ich einfangen wollte. Ich suchte das Unbedingte, eine Sprache, die leuchtete wie Aquarellfarben
und ein Bild, das Musik vermitteln konnte. Am besten wäre es gewesen, das Ganze hätte noch geduftet.
Die ganze inzwischen blühende Natur, die ich auf meinen Autofahrten sah, die Musik, die ich im
Kopf hatte, alles wollte ich einpacken in die Geschichte von Immoinda und ihrer Sehnsucht.
Sätze von Immoinda gingen mir durch den Kopf, mitten im blühenden Frühling, als ich abends immer
wieder an dem Bild zweifelte, den grünen Fisch ebenso mißlungen fand wie die Rose, die sich da am
Rande eingeschlichen hatte.
"Die Menschen versuchen, uns um unseren Tod zu betrügen", war eine der Erkenntnisse, die Immoinda
fast krank machten. Verbrennen, unauffällig, wegschaffen, oder ihn durch Massenmorde wie Kriege
inflationär zu machen - den Tod aus dem Leben schaffen, zu dem er doch gehört. Immoinda wurde ab
und an von dem Sog getrieben, möglichst öffentlich, unübersehbar, zu sterben. Mit blaugefärbten
Haaren von der Sacré-Coeur springen, daran würde niemand achtlos vorbeigehen können.
Die Seifenblase hinderte sie am freien Fall.
Manchmal stellte ich mir vor, wie Immoinda mitten in der Schöpfung, mitten im Leben stand,
gefangen hinter dem harten Glas. Keine echte Berührung, keine wirkliche Nähe.
Und immer noch hatte ich kein Bild gemalt, die Geschichte nicht geschrieben.
Heute nun - es ist die Nacht vom 21. auf 22. April, Karfreitag auf Samstag, wurde mir klar, dass
ich die Geschichte nicht aufschreiben muß. Mir wurde klar, dass Immoinda, ein Teil zumindest von
ihr, auch in Ihnen, vielleicht in jedem von uns (?) mehr oder weniger wach vorhanden sein muß.
Es ist die Sehnsucht nach der Rückkehr ins Paradies, aber das Wissen darum, dass es keinen Schritt
hinter den Sündenfall geben kann. Wer würde schon auf das Bißchen vom Baum der Erkenntnis
verzichten mögen, verzichten können, nachdem er eine Ahnung davon hat... Daher die Glasscheibe und
die Seifenblase, und daher die Unfähigkeit zur bedingungslosen Liebe, zur blind vertrauenden
Hingabe...
Es kann natürlich sein, dass ich Immoinda gar nicht richtig verstanden habe, dass ich das Bild
in meinem Kopf gar nicht deuten kann. Aber irgendwann wird ja der Tag sein, an dem es keine Fragen
mehr gibt.
Und unter diesem Aspekt und in der Hoffnung auf die grenzenlose Liebe des EINEN wage ich es,
Ihnen mein unvollkommenes Ostergeschenk anzubieten.
Mirjam
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