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Orange

Ob es daran lag, daß sie als Kind einem Lesefehler aufgesessen war? "Orangen-Utan" hatte sie unter dem Bild von einem fürchterlichen Tier-Menschen gelesen. Und sich vorgestellt, wie dieses gewaltige Wesen ihr die Apfelsinen und Mandarinen aus der Kindergarten-Tasche reißen würde. Nein, wahrscheinlich würde es die ganze Tasche verschlingen. "Orange", das hatte was Bedrohliches. "Apfelsinenfarben" sagte Jule denn auch künftig, selbst im Erwachsenenalter. Oder "gold-gelb". Wenn sie denn überhaupt dem Mut zu dieser gewaltigen Farbe aufbrachte. "Die güldene Sonne", die sich ihr ebenfalls überwältigend und nicht ungefährlich darbot, war synonym mit der Ausnahmefarbe. Rosen mit dem Ausschließlichkeitsnamen "Gloria Dei" changierten in diversen Tönen zwischen Goldgelb, Lachs und Karmin und duldeten selbstverständlich in der Nase keine anderen Düfte neben sich. Musik wie der letzte Satz von Beethovens Neunter oder Haydns sechster und siebenter "Schöpfungs"-Tag konnten die glühende Farbe für sich beanspruchen. Jule, türkisblauen Herzens und dünnhäutig, befürchtete, zu verbrennen oder zu zerschmelzen, wenn sie allein orangene Gedanken zuviel Raum in ihrem stets um Klarheit ringenden Kopf greifen ließ.
So hatte Jules erster Versuch, sich einen orangefarbenen Pullover zu kaufen, bei einem blassen Aprikose geendet. Das war dann auch wieder feige, fand sie, und räumte das in der Tat zu adrette Stück kaum getragen in den Altkleidersack. Im Lauf der Jahre folgten zwei fade Blusen. Ein orangefarbener Lippenstift immerhin wurde fast gänzlich aufgebraucht, er kontrastierte gut zu dem türkisfarbenen Pullover, den Jule trug, wenn sie mal Herz zu zeigen wagte. Ansonsten verkroch sie sich meist in Tiefschwarz, dunklem Indigo, Anthrazit oder Umbra. Goldene Ohrringe, Ringe oder auch mal ein goldener Tupfer im Schal - das waren die Annäherungen, die sich Jule an Orange erlaubte. Sie sagte sich, erwachsen geworden: "Orange ist ordinär". Bis sie diesen Aquarellkasten kaufte, magisch angezogen von einer Farbe, die sich "Echtorange" nannte. Jule stockte der Atem, als sich die ersten Papierstellen mit "Echtorange" vollsaugten. Sie kam sich vor, als sei sie hinter jene verbotene Tür getreten, aus der eine solche Helligkeit quillt, daß sie einen Finger, kurz hineingestreckt, auf alle Ewigkeit vergoldet. "Verbotene" Bilder drohten zu entstehen, flossen geradezu heraus aus Jule, der Gebrauchsgrafikerin. "Du hast deinen Stil verändert", sagte stirnrunzelnd Martin, der grünäugige "Michelangelo" der Agentur, der fast nur mit Schwarz, Ultramarin und Petrol arbeitete und trotz oder wegen seiner widerborstigen Entwürfe den Laden zu einem der gefragtesten unter den Edelkunden gemacht hatte. Jule setzte Kontraste: Echtorange gegen Dunkelviolett, Echtorange gegen die ganze Blaupalette, gegen Türkis. Sie konfrontierte Echtorange mit Ocker - ein riskantes Experiment, das allerdings bei dem Kunden, der für Abenteuerreisen in die Wüste werben wollte, Entzücken auslöste. In der Tat, die Wüste lebte plötzlich und entwickelte Feuer.
Jule fühlte sich, als brüte sie etwas aus. Sie umzingelte Echtorange mit Dunkelorange, um einen Mantel aus Eisgrau und Kobaltcoelin darumzulegen. Der Kunde, ein Energieversorger, war fasziniert. Nur so, meinte er, könne man das schwierige Thema Kraft-Wärme-Koppelung dem Endverbraucher verdeutlichen.
"Chromorange, bleifrei", murmelte Jule vor sich hin, als sie sich das Sweatshirt kaufte. Die Verkäuferin schüttelte verwirrt den Kopf, als Jule das an sich schlichte, aber für ihre persönliche Farbpalette ungewöhnliche Stück über die bergblau verwaschenen Jeans zerrte. An die Öffentlichkeit wagte sie sich in dem Shirt nie, sie trug es beim Fensterputzen, Waschen, Speckstein bearbeiten, im Keller, auf dem Dachboden, beim Anstreichen und beim Kochen. Sie hatte es heimlich mit olivgrünen Leggings kombiniert oder mit einer mauvefarbenen Samthose. Und sie hörte Schuberts "Schöne Müllerin", während sie in diesem Shirt einen alten Schrank ablaugte.
Irgendwann, als Jule, die den Ortswechsel liebte, zum vierten Mal umzog (immer im orangefarbenen Shirt beim Packen), beschloß sie, nun endlich wieder eine kalte Periode einzulegen. Sie richtete ihre Garderobe zwischen Preußischgrün und Delftblau ein, streute Neutralgrau dazwischen und zeigte der Welt die Jule, die sie sich selbst auferlegt hatte: Nicht aus der Fassung zu bringen. Bei guter Laune kamen die Pullover in Krappbraun oder Venezianischrot aus der Versenkung, das Äußerste der Gefühle. Selbst das türkisfarbene Herz hätte sie am liebsten auf "Neutraltinte" lasiert.

Und genau da geschah es: Irgendwie war Jule der Orangefarbene in die Finger gefallen, als sie einen faulen Samstag einlegen wollte.
Sie räkelte sich also in ganz intimem Dunkelorange vor ihrer Kaffeetasse, schwarz, mit einem Krimi auf der Lacktischdecke in der Küche (ultramarin), da klingelte es nachhaltig. Ein Mensch stand vor der Tür, baumlang, braunlockig ("unfrisiert", hätte Jules Mutter gesagt) mit lustigen dunklen Flecken in den blauen Augen. "Ich will die Heizgeräte ablesen", sagte er. "Sie haben da so eine Karte bekommen." Jule wurde es panisch zumute. Ihr Herz klopfte plötzlich bis zum Hals - es schien sich langsam zu entfärben, eine Weile stillzustehen - und Jule spürte, wie in ihr die Temperatur die Fiebergrenze überschritt.
"Woher wußten Sie eigentlich, daß Orange schon immer meine absolute Lieblingsfarbe ist?", hörte sie den Mann noch fragen. Als sie wieder zu sich kam, trug sie ihren weißen Bademantel, sonst nichts. Auf dem Tisch lag die - von ihr - unterschriebene Ablesequittung für alle Heizkörper. Aus der Duftlampe kam der starke Geruch von Orangeschalen.
Jule schüttelte sich. Kalt oder heiß? Wasser oder Feuer? Jule wollte den Schleier gar nicht mehr heben. Es genügte ihr, erfahren zu haben, daß das Fremde unendlich vertraut sein kann. Und wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie noch heute in glücklicher Sehnsucht. Ob deren Farbe wohl orange ist?