Schneewittchen
Die Idee mit dem gläsernen Sarg drängte sich zwischen den Güllegeruch. Zenker konnte plötzlich durch
die Schweine hindurchsehen. Er sah Rippenspeer, geräuchert, er sah Schnitzel, paniert, er sah
gefüllten Schweinebauch, Eisbeine, die in Sauerkraut herumtrampelten - und ehe er rülpsend in die
Mistkarre fiel, hatte er die Vision von etwas ganz Reinem: Schneewittchen. Kaum hatten ihn die
anderen aus der Scheiße geholt - ob ihn die Hitze oder der Kartoffelschnaps oder der Ammoniak
in der Luft umgeworfen hatte, würde ungeklärt bleiben, kaum also konnte er güllebesudelt ins
Freie wanken, verstärkte sich der Drang, einfach die Welt zu wechseln, einzutauchen in ein Märchen.
Zenker ging nach Hause, er wohnte nicht weit von der LPG, und begann, seine Träume in die Tat
umzusetzen. Er zimmerte ein Haus, er verwandte Abend um Abend daran, und das bei der damaligen
Materialknappheit. Immerhin liegt die Sache mit dem Sarg fast so lange zurück wie jener Tag, an
dem eine Mauer durch Berlin gebaut wurde, die heute nur noch in den Köpfen einiger Menschen existiert.
Während man in der Hauptstadt dichtmachte, sägte Zenker Fenster in sein Zwergenhaus.
Als das Brandenburger Tor zugemauert wurde, legte Zenker Schneewittchen in den Sarg und stellte sein
Gesamtkunstwerk in den Vorgarten. Es hatte ein wenig gedauert, bis er aus alten Fensterscheiben den
Sarg zusammengebastelt hatte - und was da alles als Verbindungsmasse diente, blieb sein Geheimnis.
Wunderschön, sauber, unberührbar lag die Puppe mit den langen schwarzen Haaren da und wartete auf den
Märchenprinzen. Zenkers Frau geriet in Vergessenheit. Sie fand sich damit ab, daß ihr Mann die
Arbeitszeit im Schweinestall und die Freizeit im Vorgarten oder im Keller verbrachte.
Für Zenkers Frau war kein Raum im Märchenland - und im Schweinestall hatte sie ebenfalls nichts zu
suchen.
Als sie starb, rührte es ihn nicht über die Maßen. Nie wäre ihm der Gedanke gekommen, zu versuchen,
sie wachzuküssen. Zenker pflanzte Blumen, setzte Stauden, brachte Zwiebeln aus - sein Garten glich
immer mehr den verwunschenen Parks, in denen Feen und weiße Raben, Paradiesvögel und andere verhexte
Wesen ihre Zuflucht vor dem Land Realien fanden. Im Winter lackierte Zenker die Zwerge und bewahrte
den gläsernen Sarg vor Frost. Was er tun würde, wenn der Märchenprinz käme und ihm Schneewittchen
wegnähme, darüber mochte Zenker gar nicht nachdenken, auch wenn ihm im Schweinestall der Güllegeruch
so manche giftige Vision eingab. Sieben Jahre und noch einmal sieben Jahre zogen ins Land,
seit Zenker Schneewittchen aufgebahrt hatte. Noch zweimal sieben Jahre vergingen, Zenker war längst
zu krank, um die Arbeit im Schweinestall zu bewältigen. Frührente, den ganzen Tag im Märchenland.
Da kam der Prinz.
Er legte Zenker ein Dokument vor und sagte: "Ich bin gekommen, um Dich aus meinem Reich zu vertreiben.
Du hast es meinem Vater einst gestohlen, verschwinde." "Und Schneewittchen? Willst Du sie nicht
wenigstens wachküssen? Ich bitte Dich darum, alles andere kümmert mich wenig."
"Die häßliche alte Puppe? Ich werde sie entsorgen lassen", meinte naserümpfend der Prinz.
"Dann gib sie lieber mir", sagte Zenker, "sie ist eine Prinzessin". "Verschwinde, alter Narr",
rief der Prinz und trat mit dem Fuß in den gläsernen Sarg. Da schoß meterhoch die Gülle aus den
Scherben, die Erde tat sich auf und der Prinz versank im Schweinemist. Zenker ging in seinen Garten,
ihm folgte eine junge Sau von makelloser Schönheit.
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