Claire's Farbgeschichten | Immoinda | Ultramarin | Orange | Stumm | Seifenblase | Kein Anfänger | Schneewittchen | Das Hemd | Fremd | Haarrisse

Seifenblase (Blowing in the Wind)

Schreiben über die Liebe? Sie hätte sich widersetzt, einen Witz gerissen oder völlig gelassen gefragt: "Aus theologischer, literaturwissenschaftlicher oder psychologischer Sicht?"
Aber niemand hatte sie aufgefordert, über die Liebe, ob amor oder caritas, Agape oder Eros, zu schreiben. Und nun war ihr irgendwie die Seele ins Gehirn gerutscht oder das Herz hatte einen fehlgeleiteten Hormonschub abbekommen. Verzweifelt suchte sie seit vielen Monaten nach ihrer verlorenen Fassung, sie fürchtete, sich aufzulösen wie ein Eiswürfel in der Sonne. "Wo ist sie denn abgeblieben?", würden die paar Bekannten fragen, und die Pfütze würde trocknen - Ende der Geschichte von Anna Luise.
Mit niemanden würde sie über die Liebe reden, jedenfalls über ihre ganz persönliche nicht.
Über die Liebe als solche hingegen sprach sie mehr denn je in den letzten Monaten: "Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen". Stundenlang sprach sie über ihre Probleme mit der Liebe, darüber, daß ihre Kraft manchmal nicht ausreiche und wie gut es sei, daß dann gerade der andere wieder aufgetankt habe und geben könne. Der andere? Freunde, die die starke Anna-Luise, bei der man alle seine Sorgen abladen kann, bewunderten, kannten diese Seite nicht:
Sie liebte mit einer Intensität, die verzehrt. Sie wußte sie um ihre Schwäche, die nur ihre Stärke war, wenn es um den Glauben ging. Und damit hatte alles begonnen. Von Zeit zu Zeit besuchte Anna-Luise ein bestimmtes Grab. "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt..." hieß die Aufschrift unter der Moosschicht. Der Zustand der Familiengruft deutete auf das Gegenteil dieser Aussage hin. Dem Engel, der über der Schrift emporrragte, fehlte der Zeigefinger, der irgendwann im 19. Jahrhundert mal den Heilsweg gewiesen hatte. Schon in ihrer Schulzeit hatte Anna-Luise auf dem denkmalgeschützen alten Friedhof so manche Mathematikstunde verbracht - und über 20 Jahre später sah noch alles unverändert aus, nur die Büsche wucherten wilder. In Situationen, wenn ihr Gemütszustand einem uralten Wischlappen glich, pflegte Anna-Luise dieses Grab aufzusuchen und sich Kraft zu holen. Der Engel ohne Zeigefinger half ihr, verschüttete stumme Gebete wieder freizuschaufeln.
"Und glauben Sie wirklich, dass ihm an jenem dieser Finger fehlen wird?"
So, genau an diesem Grab, trat Lorenz in ihr Leben. Wie aus dem Boden gewachsen stand er an einem goldgelben Herbsttag da. Anna-Luise war eher grauschwarz zumute - da fing sie diesen Blick auf. Von dem Mann, bis auf seine ungeheuer intensiven jungen Augen und seine weißen Haare, hätte sie auch nach Wochen schlecht eine Beschreibung geben können, selbst wenn sie es gewollt hätte. Jedenfalls sagte er: "Hiob ist interessant, aber Jesaja ist mir lieber. Ich denke, über den 1. Korinther brauchen wir nicht mehr zu reden..." Anna-Luise merkte erst später, dass sie stundenlang mit dem Mann über den Friedhof gegangen war.
Mag allgemein die Vorstellung herrschen, tiefgläubige Menschen seien entweder fad oder heilig, zumindest irgendwie entweder unausstehlich oder nicht von dieser Welt, so war Lorenz in Anna Luises Augen (und mit ihnen müssen wir die Geschichte betrachten), ein Gegenbeispiel. Lorenz blieb ein Fremder. Auch, wenn ihre Gespräche intensiver und immer dichter wurden. Wer war Lorenz? Ein Bohemien, der es mit der Theologie sehr genau nahm, ein Gedankenleser, ein verrückter Professor? Sie wollte es gar nicht wissen, auch als sie einander im Geist schon fast auswendig kannten. Anna-Luise wußte nur eines: wenn er etwas nicht gebrauchen konnte, dann eine Frau, die ihm so ähnlich war wie sie. Zu diesem Zeitpunkt ging sie schon Tag für Tag zum Friedhof. Es war wie eine Sucht. War er da, trieben sie die Theologie als Wissenschaft und Leidenschaft, wetteiferten im Zitieren von Anselm von Canterbury bis Thomas von Aquin, geißelten die Freudlosigkeit in der Amtskirche, spekulierten darüber, ob das Christentum überhaupt zur Nächstenliebe fähig sei.
Sie kamen übereinstimmend zu einem klaren "Nein", nach stundenlangem Wandern über den Winterfriedhof. Wer seinen Nächsten entweder bekehren oder sonstwie verändern will, liebt ihn nicht so, wie er ist. Und wer sich selbst als armen, elenden, sündigen Menschen empfindet, kann gar nicht seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Der Argumente gab es weit mehr. Und doch folgten die tiefen Blicke, wenn Lorenz und Anna Luise nebeneinander gingen. Nicht, daß sie sich verabredet hätten. Er war einfach da. Oder auch nicht. Anna Luise merkte, wie Lorenz ihren Geist beflügelte, wie sie anfing, neue Impulse aufzugreifen, wie die Gedankengebäude an Logik gewannen. Wie ihr ganzes Leben aktiver wurde, weil dem Reden auch Taten folgten.
Und dennoch wurde sie den Eindruck nicht los, sich zu verlieren.
Lorenz, das spürte sie, war genauso behutsam wie sie. Als sei die Liebe aus dünnem Glas, als müßten sie dieses Glas bis ans Ende ihres Lebens zwischen ihren beiden Stirnen balancieren. Trennscheibe und Schutzscheibe zugleich. Hätten sie in einem Bett schlafen müssen, kein Schwert, sondern eine unsichtbare Trennwand wäre zwischen ihnen gewesen, hauchdünn und heilig. Anna Luise würde nur mit dieser Schutzzone überleben, dessen war sie sich an einem Frühlingstag plötzlich gewiß.
Gleichzeitig dachte sie glasklar: "Es muß ein Ende haben", denn sie fühlte sich gefährdet. Ihr innerer Friede schwand dahin - und Schalom war ihr Lebensinhalt.
Sie erlegte sich eine strenge Klausur auf. Lorenz nicht mehr sehen, so einfach war das. Vor allem, weil er offenbar zum gleichen Entschluß gelangt war. Denn schon drei Tage war er nicht auf dem Friedhof gewesen. "Ich werde meine Liebe in eine Seifenblase packen und zum Himmel aufsteigen lassen", der Gedanke ließ Anna Luise nicht mehr los.
Als sie in der Tageszeitung las, daß ausgerechnet die Seifenblasenherstellung eine mittelständische Firma durch die Wirtschaftskrise gebracht habe, dämmerte ihr, daß diesen Weg schon andere verhinderte Paare gegangen sein mußten. Anna Luise suchte sich einen kleinen fremden Dorffriedhof aus. Sie packte ihr Pustefläschchen aus und vertraute ihre Liebe dem Wind an.
Plötzlich stand Lorenz neben ihr: "Seifenblasen, wie wunderbar, lassen Sie mich auch mal, das habe ich schon ewig nicht getan." Die erste Blase zerplatzte sofort. "Behutsam, langsamer, Sie müssen Ihre ganze Liebe hineinhauchen", sagte Anna Luise. Lorenz pustete, bis die Flasche leer war. Er sah sich um. Anna Luise war einfach verschwunden, sie hatte sich plötzlich unendlich leicht gefühlt.