Stumm
"Manchmal habe ich keine Lust mehr, in diesem Leben überhaupt noch etwas zu sagen", hatte Barbara
einmal gemurmelt. Es war auf einer Autofahrt gewesen, der Regen klatschte gegen die Scheiben,
irgendeiner der in Mitteldeutschland besonders unattraktiven Monate zeigte sich in seiner ganzen
Pracht. November oder Februar - wie auch immer. Was sollte sie da antworten, dachte Charlotte und
schwieg.
Barbara mußte diese Anwandlung wohl im Lauf der nächsten Monate und Jahre überwunden haben. Später
behauptete sie sogar, sich nicht zu erinnern, je so etwas geäußert zu haben. Aber in Charlotte
war dieser Satz auf einen Nährboden gefallen, aus dem eine kleine Pflanze keimte. "Buch" hatte
Charlotte angeblich bereits als einjähriges Kind gesagt und damit die Kinderärztin verblüfft.
"Elf Monat' alt" hatte sie fragenden Fremdmüttern aus dem Kinderwagen entgegengekräht, als sie
eingeschult wurde, hatte sie schon die einschlägigen Kinderbücher gelesen und gab bereitwillig ihr
Wissen verbal von sich.
Charlotte, nun über vierzig, spürte, wie das Schweigen in ihr wuchs. "Eigentlich", dachte sie,
"habe ich in diesem Leben wirklich schon genug gesagt". Es fielen ihr die qualvollen Tage ein,
die sie mit Zwangsschweigen verbrachte, als sie im "schwierigen Alter" zwischen 14 und 17 in mehr
oder weniger regelmäßigen Abständen von Stimmbandentzündungen befallen wurde und keinen Ton mehr
hervorbrachte. Kehlkopfspezialisten hatten vor einem Rätsel gestanden - aber irgendwann war dieses
unfreiwillige Verstummen zu Ende gewesen. Und heute? Charlotte entwickelte eine Sehnsucht danach,
mal wieder wie damals morgens völlig sprachlos aufzuwachen, aber das Wunder blieb aus.
Sie nahm sich vor, die Sätze zu dosieren. Vor zehn Uhr morgens kein Wort. Dazu bedurfte es großer
Disziplin, denn das Telefon mußte überlistet werden. Das Faxgerät übernahm das Antworten.
"Samstags spreche ich nicht", beschloß Charlotte. Auch das war leichter geplant als umgesetzt,
gerade samstags begegneten ihr "private" Menschen, die auf ein Wort warteten. Beruflich nahmen ihr
Internet und die übrige Multimedia-Technik das Schlimmste ab. Die Saat des Schweigens ging auf,
eine Blume erblühte langsam in Charlotte. "Es ist wie mit dem Essen", spürte sie, "erst fällt das
Fasten schwer, später ist es kein Verzicht mehr, sondern eine Form von Freiheit". Sie begann, sich
in ihrem Schweigen einzurichten. Zwei Wochen Venedig vergingen mühelos ohne Worte - von einer
ausländischen Touristin wurde da nicht allzu viel erwartet. Schweigend saß sie in den fremden
Kirchen und hörte alte Musik, erfahrend, daß plötzlich viel mehr Intensität für das Hören übrig war.
Hatte Charlotte in den ersten Monaten ihrer Sprechdiät noch die äußere Form gewahrt, so empfand sie
es in zunehmendem Maße als Zumutung, zum Sprechen genötigt zu werden. Hatten die anderen überhaupt
das Recht, darüber zu bestimmen, wann es erforderlich sei, daß sie rede? Charlotte empfand die Tage
als verdorben, an denen sie sich in Gespräche hatte verwickeln lassen. Ihr war, als welke dann die
Blume in ihr und drohe, die Blätter zu verlieren. So mußte am anderen Tag in doppeltem Maße auf
strengstes Stillschweigen geachtet werden. Charlotte erwischte sich dabei, wie sie verächtlich die
Vielredner betrachtete, Leute, die nicht fähig waren, ihr Inneres im Griff zu behalten, grobe
Menschen. Und wie laut alle sprachen. In der tat dachten wohl einige, Charlotte habe das Gehör
verloren, wenn sie nicht anwortete und wiederholten ihre Fragen um Nuancen oder eine ganze Portion
lauter.
"Du hast dich verändert", sagte Barbara, die anfangs das Schwinden des Redeflusses von Charlotte
als wohltuend wahrgenommen hatte. Sie selbst war sonst der ruhige Part in der Beziehung gewesen.
Die schweigende Charlotte wurde ihr unheimlich, sie hatte das Gefühl, die Freundin leere sich von
innen her. Auch wenn Charlotte beim Kopfschütteln und Achselzucken meist lächelte, konnte Barbara
fühlen, daß Charlotte sich entfernte, daß sie nicht wirklich froh zu sein schien. Der Aufforderung,
einen Psychiater aufzusuchen, leistete Charlotte nach vielen Monaten nur Folge, damit Ruhe einkehren
möge. Und vielleicht, weil sie sich in ihrem Schweigen so egoistisch wohlfühlte, daß sich langsam
leise Schuldgefühle einstellten.
War es wirklich richtig, alle Wörter und Sätze für sich zu behalten und damit die Blume zu düngen,
die von Charlotte Besitz ergriffen hatte? Aber solche Zweifel zu äußern, hätte bedeutet, das
Schweigen zu verraten.
Es war wieder so ein Monat der Undefinierbarkeit, als Charlotte die Praxis des Psychiaters betrat
und sich schweigend setzte. "Ich arbeite nach der Methode von Carl R. Rogers, also mit
Gesprächstherapie. Sie erzählen und ich höre zu", meinte der Arzt, der weder schön noch häßlich,
weder groß noch klein und ungefähr normalgewichtig war - undefinierbar wie Monat und Wetter.
Charlotte schwieg. Der Mann beendete die Sitzung nach exakt 45 Minuten. Auch beim nächsten Termin
wartete er mit einem leeren Block und einem Kugelschreiber darauf, daß sie mit dem Erzählen beginnen
möge. 45 Minuten vergingen. Bei der nächsten Sitzung stand der Psychiater in der Halbzeit auf:
"Verkürzen wir die Angelegenheit. Möchten Sie meine Frau werden?"
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