Ultramarin
Wenn jemand sie gefragt hätte, wie Mozarts Requiem riecht, hätte es nur eine Antwort gegeben:
Kobaltblau. Nein, nicht ultramarin und nicht heliocoelin. Daß Musik einen Duft hat, ebenso wie
Düfte einen Ton und alle miteinander eine Farbe, gehörte zu Claires Grunderfahrung.
Sie konnte gar nicht anders fühlen. Wie für einen Menschen mit absolutem Gehör nur schwer
vorstellbar ist, daß ein anderer abweichende Schwingungen nicht schmerzlich wahrnimmt, so war es
Claire undenkbar, beim Hören nicht die Farbe zu sehen und den Duft wahrzunehmen. Bruckners Neunte
war Caput mortuum und roch nach Bratwurst. Seine Messen? Da kamen gebranntes Karmin und
Zedernholzgeruch ins Spiel.
In Paynesgrau ertönte Bachs "wohltemperiertes Clavier" und roch nach Kernseife. Das waren die
leichteren Übungen und Definitiones. Bei Mozart und den Blautönen aber verhielt es sich anders:
Farbe und Geruch wurden so sehr eines, daß Claire nicht zu beantworten wußte, wie kobaltblau riecht.
Eben wie Mozarts Requiem, wobei diverse Schattierungen innerhalb der Kobaltpalette durchaus denkbar
waren. Verdis Requiem? Krapprot. Geruch: Moschus - da war es besonders eindeutig.
Wer sich nun die Claire als elfenhaft-durchsichtige Hybride vorstellte, würde enttäuscht sein.
Claire stand mit beiden Beinen auf der Erde, war nicht von atemberaubender animalischer Schönheit
noch von jener aristokratischen Kühle, die die Männer zum Verglühen bringt. Claire hatte schiefe
Zähne und Sommersprossen, war kurzsichtig und hinkte fast unmerklich seit einem spektakulären Sturz
auf dem Parkett bei der Gratulationskur des Kultusministers. Claire, auf nicht mehr nachvollziehbare
Weise zu den Geladenen gehörend, war auf einer Sektpfütze (Champagner erlaubt der magere Kulturetat
nicht) ausgelitten und hatte sich dem Minister, einem tumben Beau, zu Füßen gelegt. Das Sprunggelenk
rechts nahm bleibenden Schaden. Vielleicht machten solche "Ausfälle" die Faszination von Claire aus.
Wer sonst hatte sein Cello im Bus stehen lassen, ein handgehämmertes Armband auf dem Schreibtisch
des Amtsrichters vergessen oder war mit einer Plattenhülle (Monteverdis "Marienvesper") zum
Abendessen mit einem Bankdirektor erschienen, um den Mann beim Dessert um Rat in Anlagefragen zu
bitten (wer vermutet schon Wertpapiere in frühbarocke Ummantelung)? Claire konnte Hunde rückwärts
gehen lassen, sie machte es selten, denn die Tiere taten ihr leid. Warum sie ihren Blicken auf
diese Weise gehorchten, war Claire ein Rätsel. An Männern wagte sie den Trick gar nicht
auszuprobieren. Wie peinlich, falls er denn funktionieren sollte.
Nun sollte man denken, eine Frau wie Claire fühle sich rundum gut - mit seltenen Gaben ausgezeichnet,
nicht arm, nicht reich, nicht alt, nicht jung, im festen Vertrauen auf die Unsterblichkeit der
Künstlersozialkasse von einer "Mucke" zur andern eilend. Aber Claire wäre zu gerne ultramarin
gewesen, mit allen Konsequenzen. Sie selbst sah sich aber in knalligstem Permanentgrün.
Permanentgrün, wie Lemongras und nicht wie Lavendel, wie Telemann statt wie Schütz - kurz,
schnöde Meterware. Permanentgrün, das klang so irdisch (und irdisch war Claire allemal),
während Ultramarin Sphärenmusik verhieß und immerhin eine Annäherung an Kobaltblau bedeutet hätte.
In schlechten Minuten verkroch sich Claire in Schuberts "Schwanengesang", entfärbte sich gänzlich
und ließ sich vom Schubertgrün, das als "grüne Erde" auf der Palette verzeichnet war, einem irren
Duft von frischem Heu, aufsaugen. Hätte Claire nicht an Heuschnupfen gelitten, wäre sie irgendwann
hinter Schubert verschwunden. So tauchte sie niesend wieder auf und zischte im Aureolin von Charles
Ives davon, einen Basilikumduft hinterlassend und wohl wissend, daß ihr die Verkleidung nicht mal
der Köter von nebenan glauben würde.
Dieses Changieren funktionierte eben nur bei manchen Duftnote und Farbtönen, haydnsches Goldbraun
eignete sich zum Hineinschlüpfen, besonders an Herbsttagen. Ein solcher Tag war es, an dem Claire
das Regenbogen-Erlebnis hatte. Immer schon war sie losgerannt, um die Stelle zu finden, wo ein
Regenbogen auf der Erde beginnt oder endet. Auch diesmal rannte Claire los, als die Schauer
niederprasselten und die Sonne durch die Wolkenwand brach. Und irgendwie, unbeschreiblich,
geriet Claire in das Wechselbad von Farben, Tönen und Düften. Es benahm ihr die Sinne, von Rot
über Gelb ins vertraute Grün, nach Lila und letztlich auch ins Ultramarin zu stürzen. Der Geruch
nahm ihr den Atem, die Kälte der Farbe ließ sie zum Eiszapfen erstarren. Um Gottes Willen, diese
Töne sollten die ihren sein? An Strenge und Sauberkeit nicht zu überbieten, das "Tuba mirum spargens
sonum", das da in ihrem Kopf seinen Lauf nahm, war von Kristall. Das Ultramarin nahm Claire mit
einer solchen Endgültigkeit auf, daß das herrliche Entsetzen sie zur Erkenntnis brachte, im
Unerhörten angekommen zu sein.
Claires Verschwinden blieb ungeklärt. Und nur wer sich fragt, wonach ein Regenbogen riecht, hat
die vage Möglichkeit, ein einziges Mal das ultramarinblaue "Tuba mirum" zu hören - endgültig.
[1998]
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