Mat's Welt
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Die ersten Bilder
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Beim Experimentieren mit chinesischer Tusche fiel mir auf, dass das Ergebnis einen sehr lasierenden Charakter hatte und ich sofort einen Vergleich mit meiner Synästhesie zog. Denn dieser Eindruck des Durchscheinens drängte sich zu dem Zeitpunkt immer mehr auf, wenn ich über meine Synästhesie nachdachte. Aber richtig konkretisieren konnte ich ihn nicht. Erst dieses Experiment brachte mir schlagartig Klarheit, dass die Synästhesie durchsichtig sein müsste, irgendwie dreidimensional. Obwohl ich bis dahin zwar schon etliche Musikinstrumente farblich zuordnen konnte, fiel mir irgendwann auf: Warum vermischen sich die Farben nicht? Wenn ich ein Klavier und eine Trompete gleichzeitig hörte, dann müssten sich die Farben, wenn sie zufällig den gleichen Ton spielten, orangefarbig werden. Aber dies war nicht der Fall. Die Transparenz der Farben schien eine Möglichkeit zu sein.

Ich versuchte dann, mit Aquarellfarben diesem Phänomen weiter auf den Grund zu gehen und trug die Wasserfarbe so dünn aufs Papier auf, dass auch hier der lasierende Effekt mich in meiner Vermutung weiter bestätigte, die Synästhesie ist durchsichtig.

Als ich wenig später einen Fackelumzug für die hiesige Zeitung fotografieren musste, erinnerten mich die lodernden Fackeln wieder an das Problem mit der Durchsichtigkeit und ich versuchte, das Problem diesmal fotografisch anzugehen. Ich erstellte Fotos mit Doppelbelichtung, indem ich zuerst den Fackelzug als Ganzes aufnahm, den Film zurückdrehte und mit der Zweitbelichtung Nahaufnahmen von den Fackeln über das erste Foto legte.
Als ich mir die Aufnahmen später betrachtete, fiel mir sofort der leuchtende Eindruck der Fackeln auf. Auch meine Synästhesie erschien mir leuchtend, also kann sie nicht durchsichtig sein.

Um mir weiter Klarheit zu schaffen, versuchte ich es mit Collagen von Fotos, um der vermuteten Dreidimensionalität näher zu kommen. Aber nichts brachte mich wirklich weiter, ich war genauso schlau wie vorher. Wenn sie weder durchsichtig sind, dafür aber leuchten, warum überlappen oder bedecken sich die Farben nicht?
Die Antwort fand ich ein paar Jahre später in einer Ausstellung mit Portraits von Jere Allen. Es waren großformatige Gemälde. Beim großem Abstand betrachtet vermittelten die Gesichter einen breiten Pinselstrich. Trat man jedoch näher heran, lösten sich diese "breiten" in unzählige vielfarbige Striche auf. Durch geschickte Farbführung und der groben Leinwand erschloss sich mir sofort ein dreidimensionaler Mikrokosmos. Mir ging ein ganzer Kronleuchter auf. So wie hier der einzelne Strich sich darstellt, so sieht auch mein innerer Kosmos aus. Die Instrumente haben Formen. Meine Synästhesie ist dreidimensional angelegt. Aber sie leuchten nicht, sondern werden von oben rechts beleuchtet. Sie reflektieren nur das Licht.
Das, was ich vorher schon bei den Geräuschen als Strukturen entdeckt hatte, aber nicht auf die Farben der Instrumente, wegen des leuchtenden Eindrucks, übertragen konnte, war nun Gewissheit geworden. Ich bewege mich beim Hören in einer synästhetischen Landschaft.
Um dieses zu manifestieren, fotografierte ich ausgewählte Stellen der Gemälde im Verhältnis 1:1 ab, um mit den Fotos eine große Collage zu erstellen, die dem Eindruck eines großen Orchester sehr nahe kommen sollte.
Aber die Farbigkeit der einzelnen Motive war zu unterschiedlich. Auch
die Farben des Hintergrunds auf den Fotos unterschieden sich sehr stark, so dass eine dreidimensionale Wirkung nicht eintrat. Ich sortierte deshalb die Fotos nach ihrer Farbigkeit und erstellte dann kleinere Collagen. Sie sind so angelegt, dass gleiche farbige Linien sich verbinden und wie das synästhetische Abbild einer Melodie über mehrere Fotos weitergeführt werden. Um dem Bild eine weitere Dynamik zu geben, habe ich diese Linien über die Fotoränder hinaus weiter gemalt. Dadurch erhielt ich den Eindruck, wie z.B. ein Flötenton beim Spielen irgendeiner Melodie aussieht. Nämlich wie ein dünnes rotes Rohr, das sich mit der Melodie rauf und runterbiegt.

Die oben geschilderten Erfahrungen flossen letztendlich in das Shostakovich-Modell ein, das ich 1996 für den von Jörg Adolph und Stefan Landorf gedrehten Synästhesiefilm angefertigt habe (siehe Fotos). Es handelt sich um einen 30 sekundenlangen Ausschnitt des zweiten Satzes des ersten Klavierkonzerts von Dimitri Shostakovich. Die hellbraunen Flächen sind die Geigen, darunter befinden sich die roten Halbkugeln des Klaviers, die in die gelbe Röhre der Trompete übergehen. Darunter als dunkelbraune breite Linie sind die Celli und Bässe zu sehen.
Auf dem zweiten Foto des Modells erkennt man, dass die Melodiestimme immer im Vordergrund steht. Beim Wechsel vom Klavier zur Trompete schieben sich die beiden letzten Klaviertöne hinter den Trompetenton.
Die Formen der Synästhesie stehen bei mir nicht übereinander, sondern hintereinander.

Wenn ein Orchester spielt, dann haben die Instrumente in meiner Synästhesie folgende Position:
Die Melodiestimme steht immer im Vordergrund. Die Blechbläser stehen dahinter (oben Trompeten, unten Posaunen, Tuben). Das Klavier als Begleitinstrument folgt in der Mitte. Dahinter sind oben die Geigen, darunter Celli und Bässe. Dann nimmt das Schlagzeug die Position ein (oben Highhats bis hinunter zur Pauke), gefolgt von den Holzblasinstrumenten (oben Flöten, Oboen, unten Saxofon, Fagott). Den Abschluss bildet der Chor, der in der Mitte steht. Hall verschiebt die Positionen noch weiter nach hinten.
* Ich habe diesen Text über die Dreidimensionalität meiner Synästhesie, deshalb so ausführlich dargestellt, damit er auch als Anregung für andere Synästhetiker dient, einen Weg zu finden, ihre eigene Synästhesie noch besser zu erforschen.