Nus' köstliches Wörter-Menue  | 1.Gang: Wortverwendungszusammenhänge  | 2.Gang: Klangähnlichkeiten  | 3.Gang: Ähnlichkeiten der Sache  | 4.Gang: Unerklärliches  | 5.Gang: Diffuse Geschmacksrichtungen

Nus' köstliches Wörter-Menue

Stellt Euch vor, Ihr lest eine Zeitung, hört Nachrichten im Radio oder erzählt euren Freunden, was Ihr am Tag zuvor gemacht habt - und bei jedem einzelnen Satz schmeckt Ihr die köstlichsten Dinge auf der Zunge.
So etwa kann man sich mein Leben vorstellen. Ich habe nämlich das große Glück, Wort-Geschmack-Synaesthetiker zu sein.
Als Kind war ich natürlich davon überzeugt, dass für jeden "Wunsch" nach Erdnussflips schmecken musste, "Bluse" nach dunkler Bratensoße und "übrig" nach Apfelkuchen mit Streuseln. Und natürlich war ich maßlos überrascht, als ich hörte, dass das nicht so ist. Die wenigen Leute, denen ich davon erzählte, hielten mich entweder für einigermaßen durchgeknallt oder sie glaubten mir nicht. Also habe ich, wie die meisten Synnies, das alles ziemlich schnell für mich behalten und mir all die gedruckten und gesprochenen Wörter genüsslich heimlich, still und leise für mich allein auf der Zunge zergehen lassen.
Ehrlich gesagt fange ich erst jetzt, nachdem ich dieses Forum gefunden habe, langsam wieder an zu glauben, dass ich möglicherweise doch nicht ganz so durchgeknallt bin, wie man mir einreden wollte. Ich habe angefangen, mir Gedanken darüber zu machen, wie die Synästhesien zustande gekommen sein könnten. Ein Versuch für eine Erklärung spiegelt sich in den einzelnen Gängen meines Wörter-Menues wider: Einige Synästhesien scheinen sich aus Klangähnlichkeiten zu ergeben, einige aus Verwendungszusammenhängen und einige aus Ähnlichkeiten in der Sache. Meine Lieblingswörter sind jedoch die, deren synästhetische Verbindung ich überhaupt nicht erklären kann oder deren Geschmack ich nur schwer oder gar nicht beschreiben kann. Letztere sind für Andere wahrscheinlich weniger interessant, aber ich mag sie einfach deshalb, weil sie ein Geschmackserlebnis beinhalten, das man real auf der Zunge wohl nie haben wird.
Ich weiß noch nicht, ob die Fähigkeit, Synästhesien wahrzunehmen, für irgendetwas nützlich sein kann. Aber eines weiß ich ganz bestimmt: Dass es eine ungeheure Bereicherung ist. Und vielleicht geht es dem Einen oder Anderen beim Rundgang durch mein Wörter-Menue so, dass er oder sie in sich hineinlächelt und dabei denkt: Wie lecker können doch Wörter sein!